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KI-Strategie mit Substanz

25.2.2026 | 5 Minuten Lesezeit

KI-Strategie mit Substanz

1. Einleitung: Der KI-Hype und das Strategie-Vakuum

Lars Rückemann hat in seinem Blogpost zuletzt die Notwendigkeit ganzheitlicher Lösungen betont – doch wie kommen wir methodisch dorthin? Wie finden wir zur eigenen KI-Strategie und woran merken wir, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind?

Hand aufs Herz: Wie viele „KI-Strategie“-Präsentationen hast Du in den letzten sechs Monaten gesehen? Wenn es Dir wie den meisten Entscheidern geht, dann wahrscheinlich zu viele. Das Problem dabei ist selten der Mangel an Ambition. Es ist der Mangel an Substanz.

Wir befinden uns aktuell in einer Phase, die man als „strategische Torschlusspanik“ bezeichnen könnte. Der Druck von Aufsichtsräten, Kunden und dem Wettbewerb ist gigantisch: „Wir müssen irgendwas mit KI machen – und zwar schnell!“ Das Ergebnis sind oft Dokumente, die zwar die Worte „künstliche Intelligenz“ in jedem zweiten Satz enthalten, aber bei näherem Hinsehen eher einer Wunschliste an das Christkind gleichen als einem seriösen Business-Plan.

Wenn Visionen zu Halluzinationen werden

Das Problem ist eine weitverbreitete Verwechslung: Viele Unternehmen halten Ziele (z. B. „Wir wollen 20 % effizienter werden“) oder den Einsatz von Tools (z. B. „Wir führen Microsoft Copilot ein“) bereits für eine Strategie. Doch Richard Rumelt, einer der einflussreichsten Strategie-Denker unserer Zeit, würde hier sofort die rote Karte zeigen. In seinem Standardwerk „Good Strategy/Bad Strategy“ entlarvt er genau das als „Bad Strategy“.

Eine schlechte Strategie erkennt man laut Rumelt vor allem an einem: Sie ignoriert die tatsächlichen Hindernisse und flüchtet sich stattdessen in „Fluff“ – also in leeres Management-Sprech, das zwar inspirierend klingt, aber niemanden sagt, was er am Montagmorgen eigentlich tun soll.

Warum Rumelt gerade jetzt so wichtig ist

Warum sollten wir ausgerechnet ein Buch, das lange vor dem aktuellen LLM-Hype geschrieben wurde, als Maßstab für unsere KI-Zukunft nehmen? Weil sich die Natur von Strategie nicht ändert, nur weil die Technologie mächtiger wird.

Rumelts Konzept des „Kernels“ (des Kerns) einer guten Strategie ist das perfekte Gegengift zum aktuellen KI-Hype. Es zwingt uns, den Blick von den glänzenden Oberflächen der neuen Tools weg und hin zu den harten Fakten des eigenen Geschäftsmodells zu lenken. Eine gute KI-Strategie ist keine Vision davon, wie toll die Zukunft sein könnte – sie ist eine Antwort auf eine spezifische, geschäftliche Herausforderung.


2. Was ist „Bad Strategy“ im KI-Kontext?

Bevor wir darüber sprechen, wie es richtig geht, müssen wir den Elefanten im Raum adressieren: Die meisten KI-Strategien sind heute schlichtweg keine. Rumelt identifiziert vier Merkmale schlechter Strategie, die man im KI-Bereich fast täglich antrifft:

  • Der „Fluff“: Sätze wie „Wir nutzen generative KI, um synergetische Innovationspotenziale in einer digitalisierten Welt zu heben.“ Klingt gut? Ist aber völlig wertlos. Das ist Management-Lyrik, die verschleiert, dass man eigentlich keinen Plan hat.

  • Das Ausblenden der echten Probleme: Viele Unternehmen führen eine KI ein, um die Effizienz zu steigern, während ihre eigentlichen Probleme – wie völlig veraltete Datenstrukturen oder zerstrittene Abteilungen – ignoriert werden. KI auf schlechte Prozesse zu werfen, macht diese Prozesse nur schneller schlecht.

  • Ziele als Strategie getarnt: „Wir wollen bis 2026 Marktführer im Bereich KI-gestützte Logistik sein.“ Das ist ein ehrgeiziges Ziel, vielleicht sogar ein Wunschtraum, aber keine Strategie. Eine Strategie sagt Dir, wie Du dorthin kommst, besonders wenn der Wind von vorne bläst.

  • Strategisches Stückwerk: 50 verschiedene Pilotprojekte in 50 Abteilungen, die alle ein bisschen mit ChatGPT experimentieren, aber keine gemeinsame Richtung haben. Das ist kein „Lernen“, das ist Ressourcenverschwendung durch mangelnde Fokussierung.


3. Der Kern (Kernel) einer guten KI-Strategie

Wie sieht die Alternative aus? Rumelt bricht eine gute Strategie auf drei fundamentale Elemente herunter. Wenn eines davon fehlt, bricht das Kartenhaus zusammen.

A. Die Diagnose: Welches Problem lösen wir eigentlich?

Eine gute Strategie beginnt nicht mit der Technik, sondern mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme. Welches Hindernis steht eurem Erfolg im Weg, das durch KI beseitigt werden kann?

  • Schlechte Diagnose: „Wir brauchen KI, um modern zu bleiben.“

  • Gute Diagnose: „Wir verlieren Kunden, weil die Bearbeitungszeit von Reklamationen durch manuelles Sichten von Dokumenten zu lang ist.“

    Hier wird die KI zum Werkzeug für ein spezifisches, geschäftskritisches Problem.

B. Die Richtlinie (Guiding Policy): Der Nordstern im KI-Dschungel

Die Richtlinie ist der übergeordnete Ansatz, wie wir das in der Diagnose identifizierte Hindernis angehen. Sie gibt die Richtung vor, ohne sich in Details zu verlieren.

  • Beispiel: „Wir setzen bevorzugt auf 'Buy before Build' bei Standard-KI-Anwendungen (wie Copilot), investieren aber auch in eigene LLM-Lösungen für unsere proprietären Produktionsdaten, um unseren Wissensvorsprung zu schützen.“

    Diese Richtlinie hilft Deinen Teams, jeden Tag Entscheidungen zu treffen, ohne jedes Mal das Management fragen zu müssen.

C. Kohärente Maßnahmen: Wenn aus Worten Taten werden

Hier scheitern die meisten. Eine Strategie ohne konkrete Handlungsschritte ist nur eine Vision. Rumelt betont, dass diese Maßnahmen kohärent sein müssen – sie müssen sich gegenseitig verstärken.

  • Wenn eure Richtlinie „Datenschutz zuerst“ lautet, wäre eine kohärente Maßnahme der Aufbau einer privaten Cloud-Instanz und nicht das Verteilen von kostenlosen ChatGPT-Accounts an alle Mitarbeiter.

  • Es geht um die Zuweisung von Ressourcen: Wer wird von seinen aktuellen Aufgaben befreit, um das KI-Projekt zu leiten? Welches Budget wird von „Business as usual“ zu „KI-Transformation“ verschoben?


4. Warum Kohärenz bei KI alles ist

In der KI-Welt verlieren wir uns oft im „Klein-Klein“. Hier ein Tool, da ein Webinar. Rumelt lehrt uns, dass die Stärke einer Strategie aus der Konzentration von Ressourcen auf einen entscheidenden Punkt kommt.

Gute KI-Strategie bedeutet, zu 95 % der Möglichkeiten „Nein“ zu sagen. Wenn Deine Diagnose ergeben hat, dass die Automatisierung der Software-Entwicklung Dein größter Hebel ist, dann ist jedes Budget, das stattdessen in eine KI-gestützte Kantinen-App fließt, strategisch falsch investiert. Kohärenz bedeutet, dass Deine IT-Infrastruktur, Deine Personalplanung und Deine Investitionen alle am selben Strang ziehen.


5. Fazit: Weniger Vision, mehr Handwerk

KI-Strategie ist keine Übung in kreativem Schreiben oder das Malen von bunten Zukunftsbildern. Es ist harte, analytische Arbeit. Eine gute Strategie fühlt sich oft nicht „sexy“ an – sie fühlt sich an wie ein solider Plan für eine schwierige Reise.

Prüfe eure aktuelle KI-Roadmap:

  1. Haben wir das Kernproblem benannt (Diagnose)?

  2. Haben wir eine klare Marschrichtung (Richtlinie)?

  3. Wissen die Leute, was sie morgen konkret anders machen sollen (Maßnahmen)?

Wenn Du diese drei Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, bist Du den meisten Wettbewerbern bereits meilenweit voraus. Wenn nicht, lass uns sprechen. Gerne auch, wenn Du Dir bei einem „Ja" nicht ganz sicher bist.

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